Der hohe Preis der Stabilität bei Borderline
- Johanna Längle

- 3. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Worüber man viel zu selten spricht
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) gehört zu den psychischen Erkrankungen, die am stärksten das gesamte Beziehungs- und Lebensgefüge erschüttern. Viele Betroffene kämpfen jahrelang mit extremen Gefühlszuständen, impulsivem Verhalten, Selbstverletzungen und wiederkehrenden Suizidgedanken.
Das große, oft alles überragende Therapieziel heißt deshalb: Stabilität.
Weniger dramatische Krisen. Weniger Notaufnahmen. Weniger Beziehungsabbrüche. Mehr Alltag.
Doch fast niemand spricht darüber, dass Stabilität einen sehr hohen Preis haben kann – und dass dieser Preis von drei Parteien bezahlt wird: den Betroffenen selbst, ihren engsten Angehörigen und den behandelnden Fachkräften.

Warum Stabilität bei Borderline so schwer zu erreichen ist
Menschen mit BPS erleben Gefühle in einer Intensität und Geschwindigkeit, die für die meisten anderen Menschen kaum vorstellbar ist. Gefühle zu regulieren wirkt oft unmöglich und so intensiv zu fühlen kann sehr schmerzhaft sein.
Um diese unerträgliche innere Spannung kurzfristig zu reduzieren, entstehen (leider) sehr wirksame, aber langfristig destruktive Strategien: Selbstverletzung, riskanter Substanzkonsum, impulsives Geldausgeben, Beziehungsabbrüche, Drohungen, stationäre Aufenthalte.
Therapien wie die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) und Schematherapie unterstützen hier in die Veränderung hin zu mehr Stabilität bei Borderline:
Selbstschädigendes Verhalten nimmt deutlich ab
Emotionsregulation wird erlernbar
Das Selbstbild wird stabiler
Viele Menschen erreichen nach 8–16 Jahren keine schwere Symptomatik mehr (Quelle: z. B. Zanarini et al., McLean Study, 2010–2022 Follow-ups)
Aber genau an dieser Stelle beginnt der Preis.
Betroffene: Stabilität statt Lebendigkeit?
Wer gelernt hat, extreme Gefühlszustände zu regulieren, Skills anzuwenden, Trigger zu meiden und Black-and-White-Denken abzumildern, der verliert häufig genau das, was früher (trotz des Chaos) lebendig fühlte:
spontan Ja sagen können, ohne 20-mal nachzurechnen, was passieren könnte
Gefühle einfach rauslassen, ohne sie vorher zu sortieren und zu bewerten
Leichtigkeit im Kontakt, ohne ständig die eigene Reaktion zu kontrollieren
Das ist kein Therapieversagen. Es ist eine fast zwangsläufige Nebenwirkung, wenn man starke Emotionsregulation lernt: Die Intensität der Gefühle wird kleiner – nach unten und nach oben.
Spontane Freude wird seltener und gedämpfter
Impulsive Begeisterung wird vorsichtiger
Leidenschaft wirkt plötzlich „gefährlich“ und wird unterdrückt
Hinzu kommt der enorme kognitive Aufwand: ständiges Regulieren, Trigger beobachten, Achtsamkeit üben, impulsives Handeln stoppen… das kostet Energie und verändert das Lebensgefühl grundlegend.
Manche fragen sich nach Jahren: „Bin ich jetzt stabil – oder nur noch eine stark reduzierte, ungefährliche Version von mir?“
Angehörige: Die unsichtbare Erschöpfung
Partnerinnen, Eltern und enge Freundinnen werden über Monate und Jahre zu Emotions-Manager*innen, Krisen-Interventions-Teams und Pufferzonen gleichzeitig.
Typische Anpassungsleistungen, die fast niemand von außen sieht:
Eigene Pläne und Bedürfnisse permanent zurückstellen
Nicht alles persönlich nehmen (auch wenn es genau so gemeint war)
Sprache und Tonfall dauerhaft anpassen
Spontaneität und Leichtigkeit aufgeben
Sich ständig fragen: „Ist das jetzt ein Trigger?“
Viele Angehörige entwickeln nach 2–5 Jahren Symptome, die man früher „Co-Abhängigkeit“ genannt hat – heute spricht man eher von sekundärem Stress oder Angehörigen-Burnout.
„Ich habe mich so sehr verbogen, dass ich gar nicht mehr weiß, wer ich ohne diese Vorsicht eigentlich bin.“
Therapeut*innen und Fachkräfte: Nähe als Berufsrisiko
Wer lange mit Borderline-Patient*innen arbeitet, kennt das ständige Spannungsfeld:
Nähe ist heilsam → aber zu viel Nähe führt in Spaltungen hinein
Empathie ist notwendig → aber starke Gegenübertragungen (Hass, Ohnmacht, sexuelle Gefühle, Retter-Fantasien…) sind fast unvermeidbar
Suizidalität muss ernst genommen werden → aber Dauer-Alarmzustand zerstört die eigene Psyche
Häufige Langzeitfolgen sind bei Fachkräften:
Emotional vorsichtiger und distanzierter werden
Eigene Spontaneität und Lebendigkeit verlieren
Deutlich erhöhtes Burnout-Risiko
Manche wechseln nach 5–10 Jahren das Arbeitsfeld
Gute Supervision und eigene Therapie sind hier keine nette Zusatzoption – sie sind Überlebensstrategie.

Fazit: Stabilität ja – aber bitte nicht um jeden Preis
Stabilität ist ein enorm wertvolles Gut. Für viele ist sie die Voraussetzung dafür, dass überhaupt wieder ein echtes Leben möglich wird.
Aber sie darf nicht zur grauen Dauer-Kontrolle werden.
Der Unterschied zwischen guter und schlechter Stabilisierung liegt oft darin, ob es gelingt,
kleine, sichere Inseln von Intensität und Spontaneität bewusst zu schützen
zu unterscheiden zwischen gefährlicher Impulsivität und lebendiger Lebendigkeit
Angehörige und Behandler nicht zu vergessen
immer wieder zu fragen: Dient diese Stabilität dem Leben – oder nur dem Überleben?
Borderline ist behandelbar. Und gute Stabilität kann mehr sein als ein Kompromiss – sie kann der Boden sein, auf dem irgendwann wieder Farbe, Tiefe und echte Begegnung wachsen.
Hast du diesen Preis selbst erlebt? Schreib gerne in die Kommentare – oder such dir Unterstützung. Du bist damit nicht allein.
FAQ – Die häufigsten Fragen zum Preis der Stabilität
1. Ist weniger Intensität nach DBT oder Schematherapie normal? Ja, sehr häufig. Viele Menschen erleben zunächst eine Phase, in der sich alles „abgeflacht“ anfühlt. Bei guter Therapie wird dieser Effekt mit der Zeit meist weniger – man lernt, Gefühle auszuhalten statt sie zu dämpfen.
Ebenso empfehle ich sehr (!), eine Form von Körpertherapie oder Körperarbeit zu machen - bei mir war es Tanzen, Massage etc., da ich so wieder viel mehr ins Spüren, in die Leichtigkeit und Lebendigkeit kam.
Bist du betroffen und möchtest Unterstützung? Dann lade ich dich herzlich in meine Online-Gruppe ein: https://www.i-borderline.at/post/online-gruppe-zu-borderline
2. Wie kann ich als Angehöriger verhindern, dass ich mich selbst verliere? Klare, konsequent gelebte Grenzen. Eigene Therapie oder Angehörigengruppen. Regelmäßige Entlastungsmöglichkeiten schaffen. Du bist nicht für die Emotionsregulation des anderen verantwortlich.
Bist du angehörig und möchtest Unterstützung? Dann lade ich dich herzlich in meine Online-Gruppe ein: https://www.johanna-laengle.at/borderline-angehoerige-info
3. Brennen Therapeuten bei Borderline-Patient*innen besonders schnell aus? Studien und Erfahrungsberichte zeigen ein deutlich erhöhtes Risiko für Burnout und sekundäre Traumatisierung (z. B. Black et al., 2011; Rufer et al., 2014; aktuelle Fachliteratur).
4. Kann man irgendwann wieder intensiv fühlen, ohne dass es destruktiv wird? Ja – das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Es funktioniert jedoch nicht, ohne Dranbleiben, Geduld und viel Unterstützung.
5. Wo finde ich seriöse Hilfe?
Betroffene: DBT-Ambulanzen, Schwerpunktpraxen für Persönlichkeitsstörungen, stationäre DBT-Programme und meine Online-Gruppe: https://www.i-borderline.at/post/online-gruppe-zu-borderline
Angehörige: Borderline Trialog, HPE, Caritas/Pro Familia Angehörigenberatung und mein Borderline-Bootcamp https://www.johanna-laengle.at/borderline-angehoerige-info
Fachkräfte: spezifische Supervision, Intervision - bei Bedarf gebe ich Fachvorträge
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